„Es sieht gut aus für Betty Heidler“ – Norbert König im Interview

Norbert König ist seit 1988 Olympia-Reporter beim ZDF und berichtet auch in London wieder über seine Sportarten Leichtathletik und Fechten. Bekannt ist er vor allem durch die Interviews, die er direkt nach den Wettkämpfen mit den Sportlern in der Mixed Zone führt. Mit Road to London sprach der 53-Jährige über Enttäuschungen in der Qualifikation, Doping und deutsche Favoriten. Eine Wette wollte Norbert König nicht eingehen, trotzdem hat er sich festgelegt: die sicherste Goldmedaille der deutschen Mannschaft geht an Hammerwerferin Betty Heidler. Ich halte nicht dagegen, sage aber, dass die Goldmedaille der deutschen Ruderachter in noch trockneren Tüchern ist. Wir werden sehen, wer oder ob vielleicht sogar beide Recht hatten.

Hier stand ein Video mit Interviewpartner Norbert König. Er hat sich gewünscht, dass ich es wieder runternehme. Tun wir ihm den Gefallen.

Die Kernaussagen von Norbert König zusammengefasst:

Road to London: London 2012 sind die siebten Olympischen Spiele, bei denen Sie als Reporter dabei sind. Welche sind da besonders in Erinnerung geblieben?

Norbert König: In erster Linie Sydney, weil es einfach eine tolle Stadt ist. Und weil ich dort ganz besondere Ereignisse miterleben durfte, wie zum Beispiel der 400-m-Lauf von der Aborigine Cathy Freeman. Das war einfach unglaublich, wie mucksmäuschenstill es war vor dem Startschuss – ich krieg‘ jetzt schon wieder Gänsehaut – und dann 80.000 Menschen einen unglaublichen „Roar“ gemacht haben in dieser knappen Minute bis sie als Erste durch das Ziel gelaufen war. Sie kam dann hinterher auch zu einem kurzen Interview. Das war schon ganz speziell. Auch Heike Drechsler ist ja dort noch einmal Olympiasiegerin im Weitsprung geworden. Das waren mit Sicherheit mit allem drum und dran die tollsten Spiele.

Wie bekommen Sie die Sportler dazu, direkt nach dem Wettkampf ein Interview zu geben. Sind die nicht total ausgepowert? Bekommen die überhaupt noch ein Wort heraus?

Das fragen mich auch immer sehr viele Bekannte oder Freunde, die das natürlich auch kritisch sehen. Aber erstens bleibt mir einfach nichts anderes übrig, als bei solchen Veranstaltungen die Sportler direkt dazu zu bewegen, bei mir stehen zu bleiben. Die laufen eben durch diese Mixed Zone und wenn ich sie durchlaufen lasse aus Mitleid, damit sie sich noch erholen können, kommen die auch nicht mehr zurück. Die haben inzwischen aber auch absolut Verständnis dafür und haben auch das Interesse, sich selbst zu präsentieren. Dann ist das halt so. Man muss einfach hoffen, dass man sie trotz des Hechelns noch halbwegs versteht.

Das Thema „Doping“ ist ein leidiges Thema. Es wird uns aber dennoch in London wieder beschäftigen, weil wahrscheinlich wieder ein paar Sportler des Dopings überführt werden. Wundert Sie das überhaupt noch?

Nein, das wundert mich nicht. Das ist halt so. Das muss man einfach aufgrund der Quote der positiven Dopingtest so konstatieren. Das wird es auch immer geben, solange es nicht – was ich absolut nicht befürworte – eine Trennung gibt zwischen gedopten Wettbewerben und nichtgedopten. Zumal sich auch dann die Doper wieder einschleichen würden bei den Nichgedopten. Das ist einfach ein Phänomen der Zeit, weil sich auch viele im Hintergrund darum bemühen, dass ihre Athleten stärker werden – Ärzte, Manager, von mir aus auch Trainer. Wenn man den Beweis geführt hat, kann man sagen, dass jemand gedopt ist, ansonsten sollte man sich eben mit diesen Verdachtsäußerungen sehr zurückhalten, weil es natürlich auch ehrenrührig ist und einfach auch nicht erlaubt ist. Viele Menschen werden zum Beispiel sagen, dass es einem bestimmten Sprinter nicht möglich ist, so der Konkurrenz vorauszurennen. Im Wintersport hat es ja mal das Beispiel gegeben: Johann Mühlegg, der auch allen innerhalb von ein paar Tagen dreimal vorausgerannt ist, bei dem dann aber auch herauskam, dass er gedopt war.

Bereits vor den Spielen in London gab es einige Enttäuschungen bei den Qualifikationsturnieren. Damit meine ich vor allem die Mannschaftssportarten wie Basketball, Handball und Wasserball, für die sich keine deutsche Mannschaft qualifizieren konnte.

Und Fußball. Deutschland – Fußballland, „Schland“. Da haben es auch beide Mannschaften nicht hingekriegt. Aber das sind auch zum Teil beknackte Qualifikationskriterien. Also dass eine absolut dominierende Fußballmannschaft, die der Frauen, nicht zu Olympia darf, weil sie dieses eine Spiel in der Verlängerung verliert gegen Japan, das kann einfach nicht sein. Und im Volleyball ist es genauso: die EM-Zweiten, die Frauen dürfen nicht mitspielen, während die Männer als EM-Neunte sich über vier Qualifikationsturniere tatsächlich noch dahinspielen können. Da ist manches sehr zwiespältig. Aber vom Grundsatz her ist es sehr traurig, dass so wenige Mannschaften dabei sind.

„Wenn die Motivation stimmt, kann es richtig krachen“ – Imke Duplitzer im Interview

Degenfechterin Imke Duplitzer ist eine der erfahrensten Olympionikinnen der deutschen Mannschaft. Bereits viermal war sie bei den Olympischen Spielen dabei. Mit Road to London sprach die Silbermedaillen-Gewinnerin über das spannendste aller Gefechte, die Geldgier des IOC und ihre Zukunft im Fechtsport.

Road to London: Imke, wo bewahrst Du eigentlich deine Mannschafts-Silbermedaille aus Athen 2004 auf?

Imke Duplitzer: Mittlerweile in einer Vitrine. Aber ich muss zugeben, dass ich sie direkt nach dem Gewinn in der Garage in einem Karton vergessen habe. Der Wert dieser Silbermedaille kam für mich erst dann zum Tragen, als mein Vater gestorben ist – weil ich wusste, dass sie ihm sehr viel bedeutet hat. Und danach ist sie eben aus der Schachtel in eine Vitrine gewandert.

Kannst Du vielleicht nochmal aus Deiner Sicht beschreiben, wie es zu dieser Medaille kam? Das war ja denkbar knapp im Halbfinale damals gegen Frankreich, als Du den entscheidenden Punkt für Deutschland geholt hast.

Ich bin ja schon bekannt dafür, eine Comeback-Fechterin zu sein. Ausweglose Situationen in einem Mannschaftskampf werden immer gern mir übertragen, weil ich in relativ vielen Fällen noch das Ruder herumreißen konnte. Genau so war es gegen Frankreich im Halbfinale: der letzte Kampf gegen Laura Flessel, eine Spitzenfechterin, die zudem bei dem Turnier ziemlich gut drauf war. Ich übernahm das Gefecht mit einem Treffer Vorsprung  – es war also eine richtig knappe Geschichte. Am Anfang brauchte ich viel zu viel Zeit, um mich auf die Gegnerin einzustellen, fand meinen Rhythmus nicht, auch weil Laura mich gut unter Druck setzte. Sekunden vor Schluss war ich dermaßen aussichtslos hinten, dass ich nichts mehr zu verlieren hatte. Ich kam an einen Punkt, an dem ich gar nicht mehr nachgedachte, sondern einfach nur noch die Aktionen abrief. Das war der Schlüssel zum Erfolg. Denn ab da war mein Kopf frei und damit kam meine Gegnerin nicht mehr klar.

Du hast Dich sozusagen in letzter Sekunde in ein Sudden Death gerettet. Was passierte dann?

Ich schaffte den Ausgleich und es ging in ein Sudden Death. Mein Trainer und ich rechneten beide damit, dass Laura bei ihrer ersten Aktion mit einer Finte von unten kommt. Ich musste also nur gerade oben reinstechen. Und dann leuchtete die Lampe bei mir auf. Das war ein unbeschreiblicher Moment – nicht unbedingt, weil wir durch diesen Sieg eine olympische Medaille sicher hatten, sondern weil sich der Kampf zu einem perfekten Gefecht für mich entwickelte. Und das war eben genau das, worauf wir dreieinhalb Jahre hingearbeitet hatten.

In Peking gab es keine Mannschafts-Entscheidung bei den Degendamen. Woran lag das genau?

Das lag daran, dass unser damaliger Präsident des internationalen Fechtverbandes im Zuge seiner Wiederwahl den kleineren, nicht so erfolgreichen Nationen versprochen hat, dass der Damensäbel 2004 olympisch wird. Mit dem Ergebnis, dass das IOC gesagt hat, der Damensäbel könnte gerne olympisch werden, dafür müssten aber zwei andere Entscheidungen gestrichen werden. In Peking musste unter anderem die Mannschaftsentscheidung der Degendamen dran glauben. In London setzt jetzt wieder der Säbel aus.

Fecht EM-Finale gegen Magdalena Piekarska ( Foto: Olaf Wolf)
Fecht EM-Finale gegen Magdalena Piekarska ( Foto: Olaf Wolf)

Warum gibt es nicht einfach in jeder Fechtdisziplin eine Einzel- und eine Mannschaftsentscheidung? Das wäre doch nur logisch.

Das IOC will insgesamt weniger Wettbewerbe bei Olympia haben – die Funktionäre wollen sich auf die Sportarten konzentrieren, die richtig Kohle bringen. Und Fechten ist einfach kein richtiger Kohle-Sport. Das ist eigentlich das, was ich dem IOC auch immer vorwerfe: dass es die nicht so populären Sportarten aus dem Programm rausdrängen will, um Platz für Sportarten zu schaffen, die mehr Geld einbringen, wie zum Beispiel Golf, das 2016 olympisch wird. Das Gleiche passiert bei den Winterspielen, wo jetzt das Downhill-Rennen auf Schlittschuhen olympisch wird. Da schlagen sich die Athleten halbtot auf der Strecke – Hauptsache, einer kommt unten an. Aber das wird eben von Red Bull gefeatured. Das heißt, auch da ist viel Geld dahinter.

Eigentlich schade, dass dafür eine Sportart wie Fechten, die ja seit Beginn der Olympischen Spiele der Neuzeit dabei ist, einfach aus dem Programm fliegen soll.

Das ist so ziemlich der einzige Grund, warum die Sportart bis heute bei Olympia überlebt hat. Das IOC muss ja wenigstens ein bisschen das Mäntelchen des Traditionsbewusstseins anbehalten. Der eigentliche olympische Gedanke war ja, dass sich Amateure im Frieden treffen, derweil die Waffen schweigen, weiße Tauben durch die Luft fliegen und alle sich lieb haben. Das zeichnet ja auch die Faszination „Olympische Spiele“ aus – zumindest ist das der Grundtenor. Aber so langsam sollte sich das IOC mal überlegen, ob es wirklich den richtigen Kurs fährt, wenn es bei denen nur noch um den finanziellen Aspekt geht. Aber das ist nicht mein Bier.

Auf jeden Fall seid Ihr diesmal wieder als Mannschaft bei den Olympischen Spielen vertreten und habt – denke ich – auch ganz gute Chancen auf eine Medaille. Britta Heidemann, Monika Sozanska und Du. Oder wie siehst Du das?

Man darf aber nicht vergessen, dass wir eine relativ holprige Olympia-Qualifikation hinter uns haben. Auch, weil wir von vielen Verletzungen geplagt waren: Britta hatte sich zum Beispiel an der Hand verletzt, ich selber hatte nach einem Unfall mit einer Hirnblutung zu kämpfen. Das waren also schwierige Zeiten. Wir haben uns mit nur einem Punkt mehr als Estland als letzte Mannschaft qualifiziert und bekommen nun in der ersten Runde bei Olympia gleich einen schweren Gegner zugelost.

Wer könnte da warten?

Zum Beispiel die starken Rumänen. Die sind momentan das Maß aller Dinge. Aber auch China wäre ein harter Gegner. Aber wir sind auf jeden Fall eine harte Nuss, die es erstmal zu knacken gilt.

Wenn Ihr einen der dicken Brocken gleich am Anfang aus dem Weg schafft, habt Ihr aber auch Chancen, weit zu kommen.

Dann haben wir freie Bahn, das ist richtig. Aber um das zu schaffen, brauchen wir einfach ein bisschen Glück. Wir müssen einen Tag erwischen, an dem alles passt – dann ist viel drin für uns.

Imke Duplitzer ist amtierende Europameisterin (Foto: Jürgen Olczyk)
Imke Duplitzer ist amtierende Europameisterin (Foto: Jürgen Olczyk)

Wenn ich Bilder von euern Wettkämpfen sehe, wirkt es auf mich so, als ob in der deutschen Fechtmannschaft eine große Einheit herrscht. Alles geht sehr harmonisch zu, jeder fiebert für den anderen mit. Kannst Du diesen Eindruck bestätigen?

Es gibt natürlich auch die eine oder andere Reiberei. Auch welche, die bewusst von außen geschürt werden, etwa wenn Journalisten ihre Story haben wollen oder Funktionäre ihre Athleten gezielt steuern wollen. Bei den Männern ist das ein bisschen problemloser als bei uns Frauen. Die hauen sich im Wettkampf und im Training auch mal ordentlich auf die Nuss. Danach geht jeder so 10, 20 Minuten seiner Wege und abends gehen sie wieder gemeinsam ein Bier trinken. Wir Frauen nehmen vieles sehr persönlich und dann dauert es immer ein bisschen länger, bis der große Frieden wieder hergestellt ist. Aber wir ziehen schon alle an einem Strang: Wir wollten zu den Olympischen Spielen und haben dort auch das gemeinsame Ziel, eine Medaille zu holen.

Du bist 2010 zum zweiten Mal Europameisterin geworden. Die stärksten Fechter der Welt kommen allesamt aus Europa. Wie schätzt Du deine Chancen ein, eine Medaille im Olympia-Einzel zu holen?  

Es ist schwer, da eine Vorhersage zu treffen. Mittlerweile ist die Weltspitze sehr eng zusammengerückt: seien es die Russen, die Chinesen, die Franzosen oder auch die Italiener. Da kommt es dann auch ein bisschen auf die Tagesform an. Aber wenn die Motivation stimmt und auch die Vorfreude da ist – wenn man merkt, es fängt an zu prickeln, es geht los – dann kann es an dem Tag auch durchaus richtig krachen. So war es zum Beispiel in Leipzig, als ich Europameisterin geworden bin. Da bin ich morgens aus dem Haus gegangen, an einem Bombentag, ich hatte Musik auf den Ohren und bin mit meinem Fechtzeug gemütlich in die Halle gelatscht und hab’ gesagt: „Jetzt rocken wir mal die Bude!“ Dieses Gefühl ist sehr wichtig, Fechten findet im Kopf statt. Wenn es im Kopf passt, wenn man nicht verkrampft ist, dann kann man alles reißen. Ich hoffe, dass ich so einen Tag in London erwische.

Es war ja auch immer dein großes Ziel, bei Olympia den großen Wurf zu schaffen, oder?

Das ist so eine Sache, die ich heute etwas anders sehe als damals. Natürlich, als ich noch jung war, habe ich oft daran gedacht, bei Olympia eine Medaille im Einzel mit nach Hause zu nehmen. Irgendwann hab ich aber festgestellt, dass sich die Welt danach trotzdem weiterdreht. Und ich bin immer noch ich, obwohl ich mit einer Medaille von den Olympischen Spielen zurückgekommen bin. Deshalb bin ich mittlerweile ein bisschen entspannter. Es wäre natürlich toll, wenn ich noch eine andere Medaille zu meiner Sammlung hinzufügen könnte, aber es wäre jetzt auch kein Weltuntergang, wenn das nicht passiert.

Vier Jahre liegen zwischen den Olympischen Spielen in London und denen in Rio de Janeiro. Wirst Du 2016 noch dabei sein?

Das ist eine gute Frage. Es ist generell so, dass einem das Intervall von vier Jahren von Zeit zu Zeit immer kürzer vorkommt. 1992 habe ich zum Beispiel noch gedacht: „Mann, sind diese vier Jahre lang.“ Jetzt ist es eher dieses: „Ich war doch erst bei Olympia.“ Insofern kann es schon sein, dass ich sage: „Ok, ich guck‘ mir Rio nochmal an.“ Aber ich werde nach diesen Olympischen Spielen erstmal eine längere Pause machen, um einfach nach 20 Jahren auch mal ein bisschen Abstand zu gewinnen. Ich bewundere da die Queen, die 60 Jahre lang denselben Job macht, ohne einen Vogel zu kriegen. Ich muss einfach mal raus, was völlig anderes machen. Wenn ich das dann mal ein halbes, dreiviertel Jahr von außen beobachtet habe, kann ich – glaube ich – bewusst beurteilen, ob ich nochmal einen Anlauf wagen will oder nicht. Ich kann beides nicht ausschließen. Klar ist nur, dass ich mir nach Olympia erstmal eine Auszeit vom Fechten gönne.

Vielen Dank, Imke, für dieses Gespräch.

„Nicht Gejagte, sondern erfolgreiche Jäger“ – Kristof Wilke im Interview

Der Deutschlandachter ist seit den Olympischen Spielen von Peking unbesiegt und fährt nun als einer der Top-Favoriten nach London. Road to London sprach mit Schlagmann Kristof Wilke über die Entwicklung des Deutschlandachters, das schlechte Abschneiden in Peking und über die Rudernation Großbritannien.  

Road to London: Kristof, vielleicht kannst Du meinen Usern mal erklären, wo der Unterschied zwischen den beiden Ruder-Techniken, Riemenrudern und Skullen, liegt und wann man sich für eine bestimmte Technik entscheidet. Hat das vielleicht etwas mit dem Körperbau zu tun?

Kristof Wilke: Beim Skullen hat man jeweils ein Ruder in jeder Hand, die kleinste Bootsklasse ist hierbei der Einer. Beim Riemenrudern hat man nur ein Ruder in beiden Händen, das jeweils entweder nach Steuerbord oder Backbord aus dem Boot geht. Daher ist hier die kleinste Bootsklasse der Zweier, damit das Boot auch geradeaus fährt. Mit dem Körperbau hat das nur wenig zu tun. Allgemein sagt man, dass man beim Riemenrudern etwas größer sein muss als beim Skullen, um die geforderte Durchzugslänge zu erreichen.

Warum hast Du Dich für das Riemenrudern entschieden?

Ich habe mich in erster Linie für das Riemenrudern entschieden, weil ich viel lieber im Team rudere als alleine, auch wenn das Team nur aus zwei Personen besteht.

Nun bist Du Schlagmann im „Deutschlandachter“. Was genau sind dort deine Aufgaben?

Als Schlagmann habe ich die Aufgabe den Rhythmus des Schlages vorzugeben. Dann setze ich die taktischen Kommandos unseres Steuermanns um. Ich bin jedoch auf meine komplette Mannschaft, die hinter mir sitzt, angewiesen. Deshalb bin ich nicht mehr und nicht weniger als einer von 8 Ruderern, die versuchen möglichst schnell von A nach B zu kommen.

Was bedeutet Dir die Teilnahme an den Olympischen Spielen? Und wie hast Du Dich bei deiner ersten Teilnahme in Peking gefühlt?

Die Olympischen Spiele sind sportartenübergreifend das größte Ereignis, das ein Athlet erreichen kann, wenn man mal von den Profisportarten wie zum Beispiel Fußball und Tennis absieht. Da sie nur alle vier Jahre stattfinden, haben sie einen deutlich höheren Stellenwert als Welt- und Europameisterschaften und sind das große Ziel eines jeden Athleten.

Die Olympischen Spiele in Peking waren rein sportlich gesehen natürlich ein ziemlicher Reinfall, aber ich habe sie trotzdem als sehr schön in Erinnerung. Das Einlaufen bei der Eröffnungsfeier und das Leben im Olympischen Dorf mit Athleten aus aller Welt sind Momente, die ich niemals vergessen werde.

Deutschlandachter (Quelle: Kristof Wilke)
Deutschlandachter (Quelle: Kristof Wilke)

Vor den Spielen in Peking bist Du relativ kurzfristig noch in den Achter berufen worden. Ursprünglich wolltest Du im Vierer antreten. Wie kam es zu dieser Entscheidung?

Über die ganze Saison wurden damals viele Fehlentscheidungen von dem damaligen Bundestrainer gefällt. Der eigentliche Achter brachte keine guten Leistungen und wurde viel zu spät und auch auf unfaire Weise nicht für die Spiele nominiert. Der Ruderverband traf unüberlegte, überstürzte Entscheidungen und setze auf eine junge Mannschaft, die zwar schnell in den Klein- und Mittelbooten war, leistungsstark und auch gewillt, allerdings aber auch unerfahren.

Du hast Dich also mit dieser Entscheidung nicht wohl gefühlt?

Ich war damals froh, mich so für die Olympischen Spiele qualifiziert zu haben. Noch dazu habe ich mich in einer tollen Mannschaft eingefunden. Es hat sehr viel Spaß gemacht, mit den Jungs zu rudern. Allerdings habe ich mich rein sportlich nicht wirklich wohl gefühlt, ich hatte keinerlei Erfahrungen im Achterrudern. Die Jahre davor war ich im Zweier und Vierer ohne Steuermann sehr erfolgreich und fühlte mich im Achter nicht wirklich wohl.

Könnte man das schlechte Abschneiden in Peking vielleicht damit begründen, dass das Team nicht genug Zeit zusammen hatte, nicht eingespielt war?

Das ist mit Sicherheit der Hauptgrund, weshalb das Rudern während der Rennen in Peking nur schlecht geklappt hat. Es ist schon sehr wichtig, dass sich die acht Athleten in einem Achter aufeinander eingespielt haben, dass sie sich während des Rennens gleichmäßig belasten und so gemeinsam ermüden. Gerade in der speziellen Situation der Olympischen Spiele und unter der Belastung des Rennes hat das damals nicht mehr gut funktioniert. Zwei Monate waren definitiv viel zu wenig Vorbereitung.

Was muss sich ändern, damit dies in London nicht nochmal passiert?

Ich denke, dass alle Fehler, die damals gemacht wurden, bereits ausgebügelt wurden und unser neuer Trainer sehr genau darauf achtet, dass diese nicht noch einmal begangen werden. Das zeigt sich ja auch im Erfolg der letzten drei Jahre. Zumindest wurde der Achter diese Saison bisher nur auf einer Position im Vergleich zum letzten Jahr geändert. Eingefahren sind wir also schon einmal.

Du fährst mit dem „Deutschlandachter“ als dreimaliger Weltmeister (2009, 2010, 2011) nach London und bist auch dort meiner Meinung nach mit deinem Team Titelfavorit. Wie hoch schätzt Du den Druck ein, der auf Dir und deinen Mannschaftskollegen lastet und wie gehst Du damit um?

Ich sehe uns nicht unbedingt als Titelfavorit, sondern eher die Briten, die bei ihren Heimspielen an den Start gehen werden und sehr hohe Ambitionen haben. In Großbritannien hat der Rudersport einen wesentlich größeren Stellenwert als hier in Deutschland, der Verband ist sehr professionell organisiert und verfügt über ganz andere Mittel als der deutsche.

Die Siegesserie der vergangenen Jahre spricht eine andere Sprache.

Ich sehe uns trotzdem auch in dieser Saison nicht als die Gejagten, sondern eher als erfolgreiche Jäger, auch wenn die Ergebnisse das anders wiedergeben. Wir freuen uns bei jeder Regatta, wenn wir die Briten wieder geschlagen haben, wissen aber dass sie in London sehr stark sein werden, wie auch alle anderen 6 Achter, die dort an den Start gehen werden.

Klar, die Erwartungen in Deutschland sind hoch, besonders nach der Siegesserie der vergangenen Jahre. Dennoch denke ich, dass wir mit dem Druck bisher ganz gut umgegangen sind. Solange der größte Druck von uns ausgeht – und ich hoffe das bleibt so -, ist das nur positiv.

Was ist das mannschafts-interne Ziel für London?

Natürlich wollen wir Gold gewinnen! Es wäre ja auch albern etwas anderes zu behaupten. Wir haben seit den Spielen in Peking kein Rennen verloren und wollen das auch in London nicht. Das Problem dabei: Alle anderen Achter in London wollen das auch. Auch wenn das in Peking so aussah, als wollte der deutsche Achter nur an den Spielen teilnehmen – dem war nicht so. Jeder Sportler, der an den Olympischen Spielen teilnimmt, will um Gold kämpfen.

Titelbild von Kristof Wilke

Für den geliebten Vater – Turmspringer Tom Daley im Porträt

Mit sieben Jahren hat Tom Daley mit dem Turmspringen begonnen. Nur weitere sieben Jahre später ist er in der Weltspitze angekommen. Bei den Olympischen Spielen 2008 in Peking war der damals 14-Jährige Daley der jüngste Athlet, der das Finale in seiner Sportart erreichte. Es war der Anfang einer Bilderbuch-Karriere eines sympathischen Teenagers, der einen großen Verlust zu verkraften hat.

Einige Sportler müssen jahrelang hart trainieren, um zu den Besten in ihrer Sportart zu gehören, der britische Turmspringer Tom Daley scheint einfach das nötige Talent für das Turmspringen mitzubringen. Soll nicht heißen, dass nicht auch er hart trainiert, aber es sind doch immer wieder die Beispiele junger erfolgreicher Sportler, die zeigen, dass mehr dazu gehört als nur harte Arbeit. Boris Becker (Wimbledonsieger mit 17), der Australier Ian Thorpe (Schwimm-Weltmeister mit 15) oder Fußballlegende Pele (Fußball-Weltmeister mit 17) sind nur einige Beispiele. Auch Tom Daley gehört zum elitären Kreis der Sportler, die bereits früh in ihrer Karriere große Erfolge feiern konnten.

Weltmeister 2009 in Rom

Eigentlich wollte Daley bei den Turmspring-Weltmeisterschaften in Rom 2009 nur das Finale erreichen. „Rausgehen und Spaß haben“ war die Devise, erzählte er nach dem Wettbewerb im Interview. Was stattdessen eintraf, kann er hinterher selbst nicht fassen: „Heute war nie der Tag, an dem ich dachte, ich könnte Weltmeister werden. Ich bin aufgewacht und dachte nur daran, rauszugehen und es zu genießen. Die Goldmedaille zu gewinnen, war für mich undenkbar. Ich habe es immer noch nicht verdaut.“ An diesem Tag schrieb Daley zum zweiten Mal Geschichte. Mit 15 wurde er Großbritanniens jüngster Turmspring-Weltmeister.

Tom Daley (Quelle: cc Charles McCain)
Tom Daley (Quelle: cc Charles McCain)

Doch der Erfolg von Daley weckte schon früh seine Neider. Bereits vor seiner ersten Olympia-Teilnahme in Peking wurde Daley in der Schule in seiner Heimatstadt Plymouth gemobbt. Einige seiner Mitschüler hätten ihn mit Gegenständen beworfen, ihm Spitznamen wie „Diver-Boy“ gegeben und manche hätten ihm sogar damit gedroht, seine Beine zu brechen, erzählte Daleys Vater Rob gegenüber der Online-Ausgabe des britischen „Guardian“: „Es kommt der Punkt, an dem genug einfach genug ist.“ Um seinen Sohn zu schützen, nahm Rob ihn vorübergehend von der Schule. Doch schon bald kam der Zeitpunkt, ab dem sich der junge Tom selber schützen musste.

Sein krebskranker Vater als ständiger Begleiter

2006 wurde bei Rob Daley ein Gehirntumor festgestellt. Er gab daraufhin seinen Job auf, um seinen Sohn begleiten und Kraft aus seiner engen Verbindung zu ihm schöpfen zu können. Noch im selben Jahr unterzog er sich einer schweren Operation. 80 Prozent des Tumors wurden entfernt. In den folgenden Jahren befand sich Rob auf dem Weg der Besserung, schien den Krebs besiegt zu haben. Doch 2010 kam der erneute Rückschlag. Bei einer Routineuntersuchung stellten die Ärzte fest, dass der Tumor zurückgekehrt war. Aufgeben mochte er noch nicht. Sein größter Wunsch war es, seinen Sohn bei den Olympischen Spielen in London siegen zu sehen. „London 2012 ist eine große Motivation für mich. Werde ich da sein? Tom ist das Öl in meiner Lampe und er wird mich weiterbrennen lassen“, erzählte Rob im Oktober 2010 in einem Interview mit der „BBC“. 14 Monate vor Beginn der Olympischen Spiele erlosch die Flamme. Im Mai 2011 verlor Rob Daley im Alter von 40 Jahren den Kampf gegen seine schwere Krankheit. Ein schwerer Schlag für Sohn Tom und die ganze Familie. „Ich hoffe, er wird es beobachten und seine Union-Jack-Flagge in London von irgendwo anders aus schwenken. Ich liebe Dich so sehr, Papa“, äußerte sich der 17-Jährige zum tragischen Tod seines Vaters.

Freunde, Familie und Fans

Für Tom Daley begann ein schwieriges Jahr. Er kämpfte mit der Trauer, war und ist trotzdem fokussiert auf Olympia. Kraft dafür sucht er bei seiner Familie und seinen Freunden, die er so oft es geht sehe, wenn er mal nicht trainiere oder auf Wettkämpfen sei. Was dabei rauskommt, wenn der Sonnyboy zu viel Zeit mit seinen Freunden und Teamkameraden verbringt, sieht man unter anderem an einem Musikvideo bei Youtube, das er mit ihnen zu dem Song „Sexy and I Know It“ von LMFAO gedreht hat. An einem Strand stellen Daley und Co. darin ihre durchtrainierten Körper zur Show, hampeln wie wild umher und bewegen ihre Lippen zum Gesang.

Neben Familie und Freunden seien ihm aber auch seine Fans besonders wichtig, „weil das die Leute sind, die einem folgen und unterstützen und dafür sorgen, dass man sich wohl fühlt, wenn man am Rand des Sprungturms steht“, sagte er kürzlich in einem Interview.

Druck ummünzen in Energie

Vor Heimpublikum bei den Olympischen Spielen in London kann er sich der Unterstützung seiner vielen Fans gewiss sein, auch wenn es sicherlich den Druck etwas erhöht. „Diesen Druck und die heimische Kulisse muss man versuchen, für sich zu nutzen“, analysiert Daley, der groß auftrumpfen will. In London möchte der dann 18-Jährige den Sprung mit dem höchsten Schwierigkeitsgrad in sein Programm mit aufnehmen – den Twister. Rückwärts abgesprungen vollzieht der Springer einen zweieinhalbfachen Salto, wobei beim ersten Salto eine zweieinhalbfache Schraube mit eingebaut ist. Es ist der Sprung, der Daley 2009 zum Weltmeister machte, nicht weil er ihn sprang, sondern weil seine ärgsten Konkurrenten ihn versuchten und patzten. „Man geht ein hohes Risiko ein, wenn man den Sprung versucht, aber es lohnt sich, dieses Risiko einzugehen“, so Daley.

Titelbild von Charles McCain (Creative Commons)

„Sydney war mein absoluter Traum“ – Petra Wassiluk im Interview

Die ehemalige Spitzenläuferin Petra Wassiluk nahm zweimal für Deutschland an den  Olympischen Spielen teil: Im Jahr 1996 ging sie in Atlanta über 5.000 Meter an den Start. In Sydney (2000) versuchte sie ihr Glück über die 10.000-Meter-Distanz. Mit Road to London sprach sie über ihren olympischen Traum, die Stimmung im olympischen Dorf und über mentale Tiefpunkte.

Road to London: Petra, wie war das 1996, als Du Dich das erste Mal für die Olympischen Spiele in Atlanta qualifiziert hast – ging da für Dich ein Traum in Erfüllung?

Petra Wassiluk: Ja, ein absoluter Traum. Ich denke, für jeden Sportler ist es das Allergößte, bei den Olympischen Spielen dabei zu sein. Für mich war alles ein wenig überraschend, weil ich vorher noch nie bei Europa- oder Weltmeisterschaften dabei war und dann habe ich mich gleich bei meinem ersten internationalen Einsatz für die Olympischen Spiele qualifiziert.

Du hast mit 25 Jahren aber erst recht spät den internationalen Durchbruch geschafft.

Ja, das ist wahr. Ich habe Leistungssport damals eher auf nationalem Niveau betrieben. Bei den deutschen Meisterschaften bin ich Fünfte oder Sechste geworden. Dass ich 1995 im Crosslauf Deutsche Meisterin geworden bin, war eher ein Zufallsprodukt. Mein Sportstudium ging zu diesem Zeitpunkt einfach vor, weshalb ich nur nebenbei Leistungssport betreiben konnte. Mir hat einfach die Zeit gefehlt, mich richtig dahinter zu klemmen.

„Die Hütte war voll. Das war schon beeindruckend vor dieser atemberaubenden Kulisse.“

Nach dem Studium bist Du nach San Diego gegangen – um Abstand zu gewinnen?

Aber nicht vom Leistungssport. Im Gegenteil: Aus der Not heraus, weil ich dort nicht wirklich arbeiten konnte, habe ich mehr trainiert und habe auch anders trainiert. Das Umfeld in San Diego war einfach klasse. Und dann bin ich überraschend zu einem späten Zeitpunkt noch einmal so gut geworden.

Hast Du da gespürt, dass es mit Olympia klappen könnte und dann alles auf eine Karte gesetzt?

Ich kam erst mal zurück und bin gelaufen – in Koblenz über 5.000 Meter eine 15:45. 15:25 war die Olympianorm. Danach hat jeder gesagt, ‚Du kannst doch die Olympianorm laufen‘. Ich habe da erst mal nicht dran geglaubt. Aber dann haben auch der damalige Bundestrainer und mein Trainer auf mich eingeredet. Ich entschied mich dafür, es zu versuchen. Es gibt ja nur eine Handvoll Rennen, bei denen man die Norm laufen kann. In Hengelo bin ich eine 15:22 gelaufen und habe meine Chance genutzt.

Kannst Du den Moment beschreiben, als du damals in das Olympiastadion in Atlanta eingelaufen bist?

Der Wettkampftag war total aufregend. Die Vorläufe über 5.000 Meter waren am Abend. Die Hütte war voll. Das war schon beeindruckend vor dieser atemberaubenden Kulisse und für mich war es natürlich auch ein Erlebnis, Sportlergrößen wie Carl Lewis dort zu sehen.

Du bist dann aber bereits im Vorlauf ausgeschieden.

Ja, ich habe mich nicht für den Endlauf qualifiziert. Aber sich auf den Langstrecken gegen Afrika durchzusetzen, ist einfach auch sehr schwierig.

Hattest Du dir denn im Vorfeld Chancen ausgerechnet, oder war ein Weiterkommen eigentlich aussichtslos?

Petra Wassiluk 1996 in Atlanta (Quelle: Petra Wassiluk)
Petra Wassiluk 1996 in Atlanta (Quelle: Petra Wassiluk)

Unglücklicherweise war ich etwas krank. Bei uns kamen damals zwölf in den Endlauf. Ich wurde 14. und bin nur knapp am Endlauf vorbeigeschrammt.  Es ist schon das Ziel, möglichst gut abzuschneiden. Aber ich hatte eine totale Erkältung, noch vor dem Wettkampf wurden mir Medikamente gespritzt. Deshalb war ich trotzdem zufrieden mit meiner Leistung.

Wie war die Stimmung im olympischen Dorf?

Viele Nationen treffen dort aufeinander, viele verschiedene Sportarten. Du bist in einem Dorf mit Leuten, die alle das gleiche Ziel haben. Das hat einen sehr verbindenden Charakter. Man erkennt auch sofort, wer zu wem gehört, weil jedes Team in ihrem eigenen Dress herumläuft. Es macht einfach Spaß, diese Internationalität zu erleben.

Und das ist bei jeden olympischen Spielen gleich?

Jede Olympischen Spiele haben natürlich ihren eigenen Charakter, allein schon wie das Dorf aufgebaut ist. In Atlanta haben wir in Hochhäusern gewohnt. Dort war es für mein Befinden deutlich kühler, während Sydney eher wie ein Dorf war, weil wir in mehreren Mehrfamilienhäusern untergebracht waren. Das war ein bisschen kuscheliger, für mich angenehmer.

Wie geht es innerhalb des eigenen Teams zu?

Im Team herrscht zwar eine gute Stimmung, aber natürlich auch eine Anspannung. Der Druck von Seiten der Medien ist groß. Zusätzlich macht man sich selbst Druck und ist sehr fokussiert auf das, was kommt.

Wie bist du mit dieser Anspannung umgegangen?

Jeder muss da seinen eigenen Weg finden: Suchst du eher Leute, um dich abzulenken, oder bist Du mehr der Eigenbrötler, in dich gekehrt und suchst Dir lieber eine ruhige Ecke, wo Du dir Kopfhörer aufsetzt und dann mit deiner Musik alleine bist. Ruhe zu finden war aber nicht immer einfach für mich. Wenn ich an Atlanta denke – dort habe ich mit meiner Zimmerpartnerin auf zehn Quadratmetern gelebt. Man konnte sich kaum umdrehen, weil alles sehr eng war und weil noch hunderte von anderen Leuten da waren. Das ist kein Luxus. Da muss man sich schon arrangieren, auch weil man mit Leuten zusammen ist, mit denen man vielleicht nicht zusammen sein will.

Welche Spiele waren für die bedeutender? Dein erstes Mal in Atlanta oder vier Jahre später in Sydney?

Das waren ganz klar die Spiele in Sydney 2000. Das war ein absoluter Traum von mir. 1996 in Atlanta kam es eher überraschend, dass ich mich überhaupt qualifiziert habe. Danach folgten vier turbulente Jahre mit Höhen und Tiefen und dann schließlich Sydney – mein absoluter Traum, auch vom Land her, den Menschen dort und den Spielen an sich. Von Atlanta war ich eher ein bisschen enttäuscht, ich habe da einfach mehr erwartet. Ich fand es ein bisschen befremdlich – das Stadion war mitten in den Slums hochgezogen. Man wurde mit einem Bus dort hin gekarrt, und bekam diese Gegensätze zu spüren.

Du sprichst von Höhen und Tiefen zwischen 1996 und 2000. Welche Tiefpunkte waren das?

Ich hatte in dieser Zeit mehrere Verletzungen: Einen Archillessehnen-Anriss, eine Schleimbeutelentzündung. Beim Leistungssport bleibt es nicht aus, dass man Belastungsschäden hat. Aber dann hat mich eine Sache auch mental ziemlich runtergezogen – ich bekam nach einem Wettkampf eine Sperre wegen Koffeinmissbrauchs. Ich konnte nicht nachweisen, dass ich eine Koffeinüberreaktion hatte und wenn man etwas nicht nachweisen kann, dann glaubt einem eigentlich niemand mehr. Aber daraus lernt man, um dann auch vom Tiefpunkt nach oben zu kommen und das ist mir zum Glück im Jahr 2000 auch gelungen.

Als Organisatorin des Frankfurt Marathons hat dein Beruf immer noch mit dem Laufsport zu tun. Du hast Dich also komplett dem Sport verschrieben.

Das hat sich einfach so ergeben. Ich hab ja schon mit zehn Jahren angefangen mit dem Laufen, das hat mich mein ganzes Leben begleitet. 2002 hatte ich dann wieder was am Fuß und hatte eine längere OP und dann war ich mit 30 auch wirklich nicht mehr die Jüngste. Ich wollte die Pause mit einem Praktikum überbrücken und kam so zum Frankfurt-Marathon. Als mir danach ein Job angeboten wurde, war für mich relativ schnell klar, dass ich die Chance ergreifen würde. Jetzt organisiere ich unter anderem den Frankfurt Marathon, trainiere aber auch noch nebenbei Breitensportler und Triathleten, um auch selbst noch aktiv zu sein.

Petra, vielen Dank für das Gespräch.

Titelbild von Petra Wassiluk

Blanka, Wahnsinn! – Hochspringerin Blanka Vlasic im Porträt

Es herrscht niemals Stille im Stadion, wenn Hochspringerin Blanka Vlasic zu einem neuen Versuch ansetzt. Die Kroatin versteht es, die Massen zu animieren, sie in ihren Bann zu ziehen und alle Energie auf den einen Moment zu bündeln. Bunt, schrill, einzigartig – so könnte man die 1,93-m-große, schlaksige 28-Jährige auch beschreiben, die mit einer Bestleitung von 2,08 m nur einen Zentimeter vom Weltrekord entfernt ist.

Als ältestes Kind einer Sportfamilie wurde Blanka, deren Name sich von der marokkanischen Stadt Casablanca ableitet, am 8. November 1983 in Split geboren. Zu ihrer Geburtsstadt hat sie nach wie vor eine enge Beziehung: „Ich würde lieber hier meine Freizeit verbringen als irgendwo anders auf der Welt“, schreibt sie auf ihrem Blog. Mit sieben Jahren fand sie hier den Weg zur Leichtathletik, wurde von ihrem Vater, der selber Zehnkämpfer war, in nahezu jeder Disziplin trainiert. Später entschied sie sich, auch aufgrund ihrer Körpergröße, sich auf den Hochsprung zu spezialisieren.

Die richtige Entscheidung. Im Jahr 2000 schaffte sie bereits im Alter von 16 Jahren die Olympianorm für die Spiele in Sydney und landete mit einem Sprung von 1,92 m als damals jüngste Teilnehmerin auf dem 17. Rang.

Siege und wenige Niederlagen

Schaut man auf ihre bisherigen Erfolge, dann wird man vom Gold geblendet: Europameisterin 2010 in Barcelona, mehrfache Weltmeisterin in der Jugend und in der Erwachsenenkonkurrenz, dreimalige Siegerin der IAAF Welt-Finals.Nur ab und zu blitzt unter den vielen Goldmedaillen eine silberne hervor. Die wichtigste davon resultiert aus dem zweiten Platz bei den Olympischen Spielen 2008 in Beijing, als sie sich nur der Belgierin Tia Hellebaut geschlagen geben musste – für Außenstehende sicherlich die bitterste Niederlage ihrer Karriere. Zum ersten Mal in der Geschichte des Hochsprungs reichte ein Sprung über 2,05 m nicht zu einer Goldmedaille.

Drei Jahre später musste die 1,93-m-Hünin bei der Weltmeisterschaft in Daegu eine weitere Niederlage hinnehmen. Diesmal war die Russin Anna Tschitscherowa einen Tick besser.

Blanka Vlasic, Berlin 2009 (Quelle: cc André Zehetbauer)
Blanka Vlasic in Aktion, Berlin 2009 (Quelle: cc André Zehetbauer)

Erwartungshaltung ist groß

Trotzdem ist Kroatiens Lieblingssportlerin auch aufgrund ihrer Bestleistung absolute Favoritin auf den Olympia-Titel in London. Sie selbst sieht diese Rolle aber eher als Last an. „Wenn niemand auf dich setzt, dann ist man frei von jeglichem Druck“, sagte Vlasic in einem Interview mit „Laureus“. Es sei ein Erwartungsdruck, mit dem sie seit ihrem Weltmeistertitel 2007 in Osaka umgehen müsse. „Wenn man meine eigene Erwartungshaltung dazu addiert, dann ist das ein riesiger Batzen an Erwartungen, der mich natürlich stark unter Druck setzt.“

Da tut es sicher gut, sich nicht schon vorher verrückt zu machen. „Ich werde über London nachdenken, wenn die Zeit kommt“, sagt Vlasic, die sich im Januar einer Sprunggelenks-OP unterziehen musste, mittlerweile aber wieder voll ins Training eingestiegen ist.

Olympia vs. Weltrekord

Lange kann sie sich dem Gedanken an London aber nicht mehr entziehen, rücken die Spiele doch immer näher. Und natürlich träumt auch Vlasic davon, bei einem olympischen Wettbewerb einmal ganz oben auf dem Treppchen zu stehen: „Olympia-Champion zu sein ist – glaube ich – der Traum eines jeden Athleten. Es ist einer meiner wenigen Träume“, eines der wenigen Ziele, die die Ausnahmeathletin während ihrer Karriere noch erreichen möchte.

Ziel Nummer eins ist jedoch ein anderes: Auf die Frage, ob ihr Olympisches Gold oder der Weltrekord lieber wäre, antwortete Vlasic, dass sie eher auf letzteres aus sei. Schließlich gäbe es viele Olympiasieger, aber nur eine Weltrekordhalterin. Und sie ist sich sicher, dass sie es schaffen kann: „Als ich 2,08 m gesprungen bin, konnte ich fühlen, dass ich noch höher kann.“

Titelbild von André Zehetbauer (Creative Commons)