„I Forget Where We Were“ – Ben Howard

Es war ein Novemberabend im Jahr 2011. Ben Howard war auf Tour mit seinem ersten Album „Every Kingdom“ unterwegs. Auf der Bühne im Atomic Café in München griff er plötzlich zu einer E-Gitarre, nur um sie wenig später, nach nur zwei angespielten Noten wieder gegen seine Akustik-Gitarre einzutauschen. „Nein, die Welt ist noch nicht bereit dafür“, so oder so ähnlich versuchte er sich rauszureden und begann vermutlich einen ganz anderen Song zu spielen, als er zunächst vorhatte.

Im stillen Kämmerlein übte er weiter fleißig an seinen Skills auf der elektrischen Gitarre, obwohl jeder der damals Anwesenden wusste, dass Ben durchaus in der Lage gewesen wäre, den neuen Sound mit ihnen zu teilen. Doch wer Ben kennt, weiß, dass erst alles bis zur Perfektion ausgebaut werden muss, bevor es die Öffentlichkeit zu hören bekommt. Nicht umsonst hat sich der aus Devon stammende Musiker fast genau drei Jahre für die Veröffentlichung seines zweiten Studio-Albums Zeit gelassen.

Nur ein paar Monate nach dem Konzert in München sollte man dann doch die ersten elektrischen Klänge von Ben hören. „Oats in the Water“ war der Beginn einer neuen Ära, die über die „Burgh Island“-EP in seinem neuen Album „I Forget Where We Were“ mündete.

Ursprünglich „early 2014“ angekündigt, verschleppte sich der Release-Termin doch noch bis in den Oktober. In vier exklusiven Konzerten einen Monat zuvor ließ der Ausnahme-Gitarrist schon einmal einen tiefen Einblick in die Stimmung seines neuen Albums zu. Und von der ersten Note an aß ihm das Publikum aus der Hand – so zumindest kann man die Szenerie im Paradiso in Amsterdam beschreiben.

Nicht nur die beiden Vorveröffentlichungen „End Of The Affair“ und „I Forget Where We Were“ kamen beim Publikum an. Auch die Unbekannten fühlten sich irgendwie bekannt an. „Feels about the right time to play some new stuff“, waren seine Worte und so haben es auch nur „Oats in the Water“ und „The Fear“ als Zugabe zum neuen Album auf die Setlist geschafft.

„I Forget Where We Were“ ist nicht nur reifer als der Vorgänger, sondern auch eine ganz klare Ansage an diejenigen, die Ben Howard in eine Schublade mit anderen Singer-Songwritern packen wollten. Von denen grenzt er sich einmal mehr überzeugend ab.

Mit den schrägen Tönen von „Small Things“ schafft es Ben seine Zuhörer von der ersten Sekunde an zu packen und bis zum Schlussakkord von „All Is Now Harmed“, dem letzten Song auf der Platte, nicht wieder loszulassen. Wie bereits auf der Burgh Island EP gezeigt, versteht es Ben die Songs langsam aufzubauen und später fulminant enden zu lassen. Nur ein Song schafft es unter die Vier-Minuten-Marke: „In Dreams“ ist aber kein Aussätziger, sondern eher einer der musikalischen Höhepunkte der Platte. Mit der Finger-Picking-Passage am Anfang des Songs kehrt Ben sein gesamtes Talent nach außen und zeigt, dass Songwriter auch anders können, als sich mit simplen Akkorden zu begleiten – zumindest schafft er das auf „I Forget Where We Were“ immer wieder.

Trotz der Umstellung auf den elektrischen Sound ist es verblüffend, mit wie wenig Effekten das Album auskommt. Die Instrumente, vor allem Lead-Gitarre und Schlagzeug, klingen roh und unverändert, was den Sound des Albums ganz nah an die Live-Version heranbringt. Ingesamt ein wirklich tolles und ausgereiftes Zweitlingswerk von einem Ausnahmekünstler, der sicher noch Einiges im Köcher hat. Man darf jetzt schon auf Album Nummer drei gespannt sein, auch wenn bis dahin wahrscheinlich wieder ziemlich viel Zeit verstreichen wird.

Turmspringen

1904 in St. Louis war das Turmspringen zum ersten Mal olympische Disziplin und ist seitdem nicht mehr wegzudenken aus dem Programm. Jedoch hat sich seit den dritten Olympischen Spielen der Neuzeit so einiges geändert in dieser Sportart. Damals gab es nur zwei Wettbewerbe. Das Kunstspringen ähnelt dem heutigen Turmspringen vielleicht noch am meisten. Der Wettkampf hätte fast nicht stattfinden können, weil ein entsprechendes Brett zum Abspringen fehlte. Die deutschen Teilnehmer nahmen es selbst in die Hand und zimmerten ein Holzbrett, das sie am Rand des Sees anbrachten. Die Teilnehmerzahl war auch eher überschaubar. Im Kunstspringen waren es sage und schreibe fünf. Davon kamen drei aus dem Deutschen Kaiserreich und zwei aus den USA. In der zweiten Disziplin, dem Kopfweitsprung, war es nicht anders. Hier gab es ebenfalls nur fünf Teilnehmer und völlig witzlos war es, dass diese allesamt aus den USA stammten. Ich erzähle also nichts Neues, wenn ich sage, dass ein US-Amerikaner in dieser Disziplin gewann, in der es darum ging, einen Kopfsprung auszuführen und möglichst lange unter Wasser zu gleiten, ohne einen Schwimmzug zu vollziehen.

Die Disziplin des Kopfweitsprunges wurde ziemlich bald aus dem Programm genommen, die des Kunstspringens dafür immer weiter perfektioniert – bis heute. Es gibt mittlerweile vier verschiedene Disziplinen bei Olympia: die Einzelwettbewerbe sowie die Synchronwettbewerbe vom 3m- und vom 10m-Brett. Frauen und Männer treten auch hier getrennt voneinander an. Es gibt also acht Goldmedaillen zu verteilen.

Um in den Besitz dieses Edelmetalls zu kommen, gilt es vor allem, in der Luft die Körperspannung zu halten und optimal, heißt möglichst in einem 90°-Winkel, in das Wasser einzutauchen. Jedoch ist das nicht allein ausschlaggebend für eine gute Platzierung. Hinzu kommt der Schwierigkeitsgrad des Sprunges, mit dem die Noten der Kampfrichter (0 – 10) multipliziert werden. So hat ein eineinhalbfacher gehechteter Salto vorwärts den Schwierigkeitsgrad 1,6, während ein eineinhalbfacher Salto rückwärts mit viereinhalb Schrauben den Schwierigkeitsgrad 3,6 hat.

Die Wettbewerbe finden übrigens im neuerrichteten Aquatic Centre statt, in dem auch, bis auf den Schwimm-Marathon, alle Schwimm-Disziplinen ausgetragen werden.

Alle Augen auf:

Tom Daley (Großbritannien). Der Brite hat 2009 bereits mit 15 Jahren seinen ersten Weltmeistertitel gewonnen und zählt seitdem zur absoluten Weltspitze. Ein Jahr später gewann er bei den Commonwealth Games in Delhi gleich zweimal Gold, im Einzel- und im Synchronspringen vom 10m-Turm. Olympia 2012 wird seine zweite Teilnahme an Olympischen Spielen sein. Auch in Peking war der damals 14-Jährige schon dabei und erreichte überraschend das Finale. In London vor heimischem Publikum kann sich der Teenager nun unsterblich machen. Zwei Goldmedaillen liegen absolut im Bereich des Möglichen. Mein Tipp: Wenn die Nerven halten, gibt es zweimal Gold.

Melissa Wu (Australien). Eine Farbe fehlt in der Medaillensammlung von Melissa Wu – Gold. Bisher wurde sie zweimal Zweite bei Weltmeisterschaften (2007, 2011) und auch bei Olympia in Peking reichte es nur zu Silber. An Konstanz ist die Australierin aber in der Frauenkonkurrenz nicht zu überbieten und so wird sie auch in London wieder ganz weit vorne mitmischen. Zusammen mit ihrer Partnerin Alexandra Croak ist sie auch im Synchronspringen ein absoluter Kandidat für den obersten Platz auf dem Treppchen. Mein Tipp: einmal Gold, einmal Silber.

Titelbilder von Charles McCain (Creative Commons)

„Es sieht gut aus für Betty Heidler“ – Norbert König im Interview

Norbert König ist seit 1988 Olympia-Reporter beim ZDF und berichtet auch in London wieder über seine Sportarten Leichtathletik und Fechten. Bekannt ist er vor allem durch die Interviews, die er direkt nach den Wettkämpfen mit den Sportlern in der Mixed Zone führt. Mit Road to London sprach der 53-Jährige über Enttäuschungen in der Qualifikation, Doping und deutsche Favoriten. Eine Wette wollte Norbert König nicht eingehen, trotzdem hat er sich festgelegt: die sicherste Goldmedaille der deutschen Mannschaft geht an Hammerwerferin Betty Heidler. Ich halte nicht dagegen, sage aber, dass die Goldmedaille der deutschen Ruderachter in noch trockneren Tüchern ist. Wir werden sehen, wer oder ob vielleicht sogar beide Recht hatten.

Hier stand ein Video mit Interviewpartner Norbert König. Er hat sich gewünscht, dass ich es wieder runternehme. Tun wir ihm den Gefallen.

Die Kernaussagen von Norbert König zusammengefasst:

Road to London: London 2012 sind die siebten Olympischen Spiele, bei denen Sie als Reporter dabei sind. Welche sind da besonders in Erinnerung geblieben?

Norbert König: In erster Linie Sydney, weil es einfach eine tolle Stadt ist. Und weil ich dort ganz besondere Ereignisse miterleben durfte, wie zum Beispiel der 400-m-Lauf von der Aborigine Cathy Freeman. Das war einfach unglaublich, wie mucksmäuschenstill es war vor dem Startschuss – ich krieg‘ jetzt schon wieder Gänsehaut – und dann 80.000 Menschen einen unglaublichen „Roar“ gemacht haben in dieser knappen Minute bis sie als Erste durch das Ziel gelaufen war. Sie kam dann hinterher auch zu einem kurzen Interview. Das war schon ganz speziell. Auch Heike Drechsler ist ja dort noch einmal Olympiasiegerin im Weitsprung geworden. Das waren mit Sicherheit mit allem drum und dran die tollsten Spiele.

Wie bekommen Sie die Sportler dazu, direkt nach dem Wettkampf ein Interview zu geben. Sind die nicht total ausgepowert? Bekommen die überhaupt noch ein Wort heraus?

Das fragen mich auch immer sehr viele Bekannte oder Freunde, die das natürlich auch kritisch sehen. Aber erstens bleibt mir einfach nichts anderes übrig, als bei solchen Veranstaltungen die Sportler direkt dazu zu bewegen, bei mir stehen zu bleiben. Die laufen eben durch diese Mixed Zone und wenn ich sie durchlaufen lasse aus Mitleid, damit sie sich noch erholen können, kommen die auch nicht mehr zurück. Die haben inzwischen aber auch absolut Verständnis dafür und haben auch das Interesse, sich selbst zu präsentieren. Dann ist das halt so. Man muss einfach hoffen, dass man sie trotz des Hechelns noch halbwegs versteht.

Das Thema „Doping“ ist ein leidiges Thema. Es wird uns aber dennoch in London wieder beschäftigen, weil wahrscheinlich wieder ein paar Sportler des Dopings überführt werden. Wundert Sie das überhaupt noch?

Nein, das wundert mich nicht. Das ist halt so. Das muss man einfach aufgrund der Quote der positiven Dopingtest so konstatieren. Das wird es auch immer geben, solange es nicht – was ich absolut nicht befürworte – eine Trennung gibt zwischen gedopten Wettbewerben und nichtgedopten. Zumal sich auch dann die Doper wieder einschleichen würden bei den Nichgedopten. Das ist einfach ein Phänomen der Zeit, weil sich auch viele im Hintergrund darum bemühen, dass ihre Athleten stärker werden – Ärzte, Manager, von mir aus auch Trainer. Wenn man den Beweis geführt hat, kann man sagen, dass jemand gedopt ist, ansonsten sollte man sich eben mit diesen Verdachtsäußerungen sehr zurückhalten, weil es natürlich auch ehrenrührig ist und einfach auch nicht erlaubt ist. Viele Menschen werden zum Beispiel sagen, dass es einem bestimmten Sprinter nicht möglich ist, so der Konkurrenz vorauszurennen. Im Wintersport hat es ja mal das Beispiel gegeben: Johann Mühlegg, der auch allen innerhalb von ein paar Tagen dreimal vorausgerannt ist, bei dem dann aber auch herauskam, dass er gedopt war.

Bereits vor den Spielen in London gab es einige Enttäuschungen bei den Qualifikationsturnieren. Damit meine ich vor allem die Mannschaftssportarten wie Basketball, Handball und Wasserball, für die sich keine deutsche Mannschaft qualifizieren konnte.

Und Fußball. Deutschland – Fußballland, „Schland“. Da haben es auch beide Mannschaften nicht hingekriegt. Aber das sind auch zum Teil beknackte Qualifikationskriterien. Also dass eine absolut dominierende Fußballmannschaft, die der Frauen, nicht zu Olympia darf, weil sie dieses eine Spiel in der Verlängerung verliert gegen Japan, das kann einfach nicht sein. Und im Volleyball ist es genauso: die EM-Zweiten, die Frauen dürfen nicht mitspielen, während die Männer als EM-Neunte sich über vier Qualifikationsturniere tatsächlich noch dahinspielen können. Da ist manches sehr zwiespältig. Aber vom Grundsatz her ist es sehr traurig, dass so wenige Mannschaften dabei sind.

Fechten

En Garde! Das Fechten ist eine von nur vier Sportarten, die schon bei der ersten Austragung der Olympischen Spiele der Neuzeit (Athen 1896) dabei waren und seitdem nicht aus dem Programm genommen wurden. Turnen, Schwimmen und Leichtathletik sind die anderen drei.

Das Fechten hat seinen Ursprung schon weit vor seinem Debüt bei Olympia. Überliefert vom Schlachtfeld der Kavallerie (Reiter, die teilweise mit Säbel ausgestattet waren) aus dem 16. Jahrhundert haben sich bereits Mitte des 19. Jahrhunderts die ersten Sport-Fechtclubs in Deutschland gegründet. In anderen europäischen Ländern, wie zum Beispiel in Frankreich, sogar noch früher.

Damendegen und Männersäbel waren 1896 die ersten Disziplinen bei Olympia. Später kam das Florett hinzu. Es wird also mit drei verschiedenen Waffen gekämpft, die von ihren Eigenschaften und von der Art, wie man mit ihnen kämpft, von Grund auf unterschiedlich sind. Auch die Trefferfläche variiert von Waffe zu Waffe.

Jan Tränkner, Waffenwart vom Darmstädter Fechtclub, erklärt die Unterschiede zwischen Florett, Degen und Säbel und gibt einen kurzen Ausblick auf Olympia:

Über die Jahre hinweg haben sich Fähigkeiten und Technik im Fechten enorm weiterentwickelt. Die Spezialisten beherrschen den schnellen Umgang mit der Waffe und verfügen darüber hinaus über hervorragende Beinarbeit. In der Regel unterscheidet man bei jeder Aktion den angreifenden Fechter und seinen Gegenüber, der versucht, diese Aktion zu parieren und seinerseits einen Treffer zu setzen. Oft wechseln diese aber auch die Rollen innerhalb einer Aktion. Das liegt unter anderem an der Begrenzung der Bahn, auf der sich beide duellieren. Wird einer der Athleten bis an den Rand der Bahn gedrängt, sucht er oft die Flucht nach vorne. So entsteht auch nicht selten ein hin und her zwischen beiden Kämpfern. Auch der Begriff „Finte“ kommt aus dem Fechtsport. Damit ist ein Antäuschen einer Aktion gemeint.

Damit niemand sich großartig verletzen kann, tragen die Athleten einen speziellen Anzug und eine Maske, die Hiebe und Stiche absorbieren. Beim Florett-Fechten haben die Athleten darüber hinaus eine spezielle Weste an, damit gültige Treffer von ungültigen Treffern unterschieden werden können.

Alle Augen auf:

Nicolas Limbach (Deutschland). 2008 in Peking musste er schon relativ früh die Segel streichen. Trotzdem ist Säbelfechter Limbach ein Kandidat für die Medaillenränge in London. Denn: Der Deutsche wurde Weltcupsieger 2009, 2010 und 2012. Außerdem ist der 26-Jährige der Weltranglistenerste in seiner Disziplin. Die deutschen Hoffnungen liegen also auf ihm. Jan Tränkners und auch mein Tipp: auf jeden Fall eine Medaille in London, vielleicht sogar Gold.

Valentina Vezzali (Italien). Dominanz hat einen Namen. Seit 1996 hat die Florett-Fechterin bei jeden Olympischen Spielen immer Gold gewonnen – zweimal mit der Mannschaft dreimal im Einzel. Damit ist sie eine der erfolgreichsten Fechterinnen der Geschichte. Auch mehrfache Weltmeisterin darf sich Vezzali nennen. Zuletzt war sie 2011 erfolgreich. Ich muss mich nicht weit aus dem Fenster lehnen, um zu sagen, dass die Italienerin mindestens eine Medaille aus London mitnehmen wird. Mein Tipp: Gold im Einzel, Silber mit der Mannschaft.

Titelbild von Björn Thar

„Wenn die Motivation stimmt, kann es richtig krachen“ – Imke Duplitzer im Interview

Degenfechterin Imke Duplitzer ist eine der erfahrensten Olympionikinnen der deutschen Mannschaft. Bereits viermal war sie bei den Olympischen Spielen dabei. Mit Road to London sprach die Silbermedaillen-Gewinnerin über das spannendste aller Gefechte, die Geldgier des IOC und ihre Zukunft im Fechtsport.

Road to London: Imke, wo bewahrst Du eigentlich deine Mannschafts-Silbermedaille aus Athen 2004 auf?

Imke Duplitzer: Mittlerweile in einer Vitrine. Aber ich muss zugeben, dass ich sie direkt nach dem Gewinn in der Garage in einem Karton vergessen habe. Der Wert dieser Silbermedaille kam für mich erst dann zum Tragen, als mein Vater gestorben ist – weil ich wusste, dass sie ihm sehr viel bedeutet hat. Und danach ist sie eben aus der Schachtel in eine Vitrine gewandert.

Kannst Du vielleicht nochmal aus Deiner Sicht beschreiben, wie es zu dieser Medaille kam? Das war ja denkbar knapp im Halbfinale damals gegen Frankreich, als Du den entscheidenden Punkt für Deutschland geholt hast.

Ich bin ja schon bekannt dafür, eine Comeback-Fechterin zu sein. Ausweglose Situationen in einem Mannschaftskampf werden immer gern mir übertragen, weil ich in relativ vielen Fällen noch das Ruder herumreißen konnte. Genau so war es gegen Frankreich im Halbfinale: der letzte Kampf gegen Laura Flessel, eine Spitzenfechterin, die zudem bei dem Turnier ziemlich gut drauf war. Ich übernahm das Gefecht mit einem Treffer Vorsprung  – es war also eine richtig knappe Geschichte. Am Anfang brauchte ich viel zu viel Zeit, um mich auf die Gegnerin einzustellen, fand meinen Rhythmus nicht, auch weil Laura mich gut unter Druck setzte. Sekunden vor Schluss war ich dermaßen aussichtslos hinten, dass ich nichts mehr zu verlieren hatte. Ich kam an einen Punkt, an dem ich gar nicht mehr nachgedachte, sondern einfach nur noch die Aktionen abrief. Das war der Schlüssel zum Erfolg. Denn ab da war mein Kopf frei und damit kam meine Gegnerin nicht mehr klar.

Du hast Dich sozusagen in letzter Sekunde in ein Sudden Death gerettet. Was passierte dann?

Ich schaffte den Ausgleich und es ging in ein Sudden Death. Mein Trainer und ich rechneten beide damit, dass Laura bei ihrer ersten Aktion mit einer Finte von unten kommt. Ich musste also nur gerade oben reinstechen. Und dann leuchtete die Lampe bei mir auf. Das war ein unbeschreiblicher Moment – nicht unbedingt, weil wir durch diesen Sieg eine olympische Medaille sicher hatten, sondern weil sich der Kampf zu einem perfekten Gefecht für mich entwickelte. Und das war eben genau das, worauf wir dreieinhalb Jahre hingearbeitet hatten.

In Peking gab es keine Mannschafts-Entscheidung bei den Degendamen. Woran lag das genau?

Das lag daran, dass unser damaliger Präsident des internationalen Fechtverbandes im Zuge seiner Wiederwahl den kleineren, nicht so erfolgreichen Nationen versprochen hat, dass der Damensäbel 2004 olympisch wird. Mit dem Ergebnis, dass das IOC gesagt hat, der Damensäbel könnte gerne olympisch werden, dafür müssten aber zwei andere Entscheidungen gestrichen werden. In Peking musste unter anderem die Mannschaftsentscheidung der Degendamen dran glauben. In London setzt jetzt wieder der Säbel aus.

Fecht EM-Finale gegen Magdalena Piekarska ( Foto: Olaf Wolf)
Fecht EM-Finale gegen Magdalena Piekarska ( Foto: Olaf Wolf)

Warum gibt es nicht einfach in jeder Fechtdisziplin eine Einzel- und eine Mannschaftsentscheidung? Das wäre doch nur logisch.

Das IOC will insgesamt weniger Wettbewerbe bei Olympia haben – die Funktionäre wollen sich auf die Sportarten konzentrieren, die richtig Kohle bringen. Und Fechten ist einfach kein richtiger Kohle-Sport. Das ist eigentlich das, was ich dem IOC auch immer vorwerfe: dass es die nicht so populären Sportarten aus dem Programm rausdrängen will, um Platz für Sportarten zu schaffen, die mehr Geld einbringen, wie zum Beispiel Golf, das 2016 olympisch wird. Das Gleiche passiert bei den Winterspielen, wo jetzt das Downhill-Rennen auf Schlittschuhen olympisch wird. Da schlagen sich die Athleten halbtot auf der Strecke – Hauptsache, einer kommt unten an. Aber das wird eben von Red Bull gefeatured. Das heißt, auch da ist viel Geld dahinter.

Eigentlich schade, dass dafür eine Sportart wie Fechten, die ja seit Beginn der Olympischen Spiele der Neuzeit dabei ist, einfach aus dem Programm fliegen soll.

Das ist so ziemlich der einzige Grund, warum die Sportart bis heute bei Olympia überlebt hat. Das IOC muss ja wenigstens ein bisschen das Mäntelchen des Traditionsbewusstseins anbehalten. Der eigentliche olympische Gedanke war ja, dass sich Amateure im Frieden treffen, derweil die Waffen schweigen, weiße Tauben durch die Luft fliegen und alle sich lieb haben. Das zeichnet ja auch die Faszination „Olympische Spiele“ aus – zumindest ist das der Grundtenor. Aber so langsam sollte sich das IOC mal überlegen, ob es wirklich den richtigen Kurs fährt, wenn es bei denen nur noch um den finanziellen Aspekt geht. Aber das ist nicht mein Bier.

Auf jeden Fall seid Ihr diesmal wieder als Mannschaft bei den Olympischen Spielen vertreten und habt – denke ich – auch ganz gute Chancen auf eine Medaille. Britta Heidemann, Monika Sozanska und Du. Oder wie siehst Du das?

Man darf aber nicht vergessen, dass wir eine relativ holprige Olympia-Qualifikation hinter uns haben. Auch, weil wir von vielen Verletzungen geplagt waren: Britta hatte sich zum Beispiel an der Hand verletzt, ich selber hatte nach einem Unfall mit einer Hirnblutung zu kämpfen. Das waren also schwierige Zeiten. Wir haben uns mit nur einem Punkt mehr als Estland als letzte Mannschaft qualifiziert und bekommen nun in der ersten Runde bei Olympia gleich einen schweren Gegner zugelost.

Wer könnte da warten?

Zum Beispiel die starken Rumänen. Die sind momentan das Maß aller Dinge. Aber auch China wäre ein harter Gegner. Aber wir sind auf jeden Fall eine harte Nuss, die es erstmal zu knacken gilt.

Wenn Ihr einen der dicken Brocken gleich am Anfang aus dem Weg schafft, habt Ihr aber auch Chancen, weit zu kommen.

Dann haben wir freie Bahn, das ist richtig. Aber um das zu schaffen, brauchen wir einfach ein bisschen Glück. Wir müssen einen Tag erwischen, an dem alles passt – dann ist viel drin für uns.

Imke Duplitzer ist amtierende Europameisterin (Foto: Jürgen Olczyk)
Imke Duplitzer ist amtierende Europameisterin (Foto: Jürgen Olczyk)

Wenn ich Bilder von euern Wettkämpfen sehe, wirkt es auf mich so, als ob in der deutschen Fechtmannschaft eine große Einheit herrscht. Alles geht sehr harmonisch zu, jeder fiebert für den anderen mit. Kannst Du diesen Eindruck bestätigen?

Es gibt natürlich auch die eine oder andere Reiberei. Auch welche, die bewusst von außen geschürt werden, etwa wenn Journalisten ihre Story haben wollen oder Funktionäre ihre Athleten gezielt steuern wollen. Bei den Männern ist das ein bisschen problemloser als bei uns Frauen. Die hauen sich im Wettkampf und im Training auch mal ordentlich auf die Nuss. Danach geht jeder so 10, 20 Minuten seiner Wege und abends gehen sie wieder gemeinsam ein Bier trinken. Wir Frauen nehmen vieles sehr persönlich und dann dauert es immer ein bisschen länger, bis der große Frieden wieder hergestellt ist. Aber wir ziehen schon alle an einem Strang: Wir wollten zu den Olympischen Spielen und haben dort auch das gemeinsame Ziel, eine Medaille zu holen.

Du bist 2010 zum zweiten Mal Europameisterin geworden. Die stärksten Fechter der Welt kommen allesamt aus Europa. Wie schätzt Du deine Chancen ein, eine Medaille im Olympia-Einzel zu holen?  

Es ist schwer, da eine Vorhersage zu treffen. Mittlerweile ist die Weltspitze sehr eng zusammengerückt: seien es die Russen, die Chinesen, die Franzosen oder auch die Italiener. Da kommt es dann auch ein bisschen auf die Tagesform an. Aber wenn die Motivation stimmt und auch die Vorfreude da ist – wenn man merkt, es fängt an zu prickeln, es geht los – dann kann es an dem Tag auch durchaus richtig krachen. So war es zum Beispiel in Leipzig, als ich Europameisterin geworden bin. Da bin ich morgens aus dem Haus gegangen, an einem Bombentag, ich hatte Musik auf den Ohren und bin mit meinem Fechtzeug gemütlich in die Halle gelatscht und hab’ gesagt: „Jetzt rocken wir mal die Bude!“ Dieses Gefühl ist sehr wichtig, Fechten findet im Kopf statt. Wenn es im Kopf passt, wenn man nicht verkrampft ist, dann kann man alles reißen. Ich hoffe, dass ich so einen Tag in London erwische.

Es war ja auch immer dein großes Ziel, bei Olympia den großen Wurf zu schaffen, oder?

Das ist so eine Sache, die ich heute etwas anders sehe als damals. Natürlich, als ich noch jung war, habe ich oft daran gedacht, bei Olympia eine Medaille im Einzel mit nach Hause zu nehmen. Irgendwann hab ich aber festgestellt, dass sich die Welt danach trotzdem weiterdreht. Und ich bin immer noch ich, obwohl ich mit einer Medaille von den Olympischen Spielen zurückgekommen bin. Deshalb bin ich mittlerweile ein bisschen entspannter. Es wäre natürlich toll, wenn ich noch eine andere Medaille zu meiner Sammlung hinzufügen könnte, aber es wäre jetzt auch kein Weltuntergang, wenn das nicht passiert.

Vier Jahre liegen zwischen den Olympischen Spielen in London und denen in Rio de Janeiro. Wirst Du 2016 noch dabei sein?

Das ist eine gute Frage. Es ist generell so, dass einem das Intervall von vier Jahren von Zeit zu Zeit immer kürzer vorkommt. 1992 habe ich zum Beispiel noch gedacht: „Mann, sind diese vier Jahre lang.“ Jetzt ist es eher dieses: „Ich war doch erst bei Olympia.“ Insofern kann es schon sein, dass ich sage: „Ok, ich guck‘ mir Rio nochmal an.“ Aber ich werde nach diesen Olympischen Spielen erstmal eine längere Pause machen, um einfach nach 20 Jahren auch mal ein bisschen Abstand zu gewinnen. Ich bewundere da die Queen, die 60 Jahre lang denselben Job macht, ohne einen Vogel zu kriegen. Ich muss einfach mal raus, was völlig anderes machen. Wenn ich das dann mal ein halbes, dreiviertel Jahr von außen beobachtet habe, kann ich – glaube ich – bewusst beurteilen, ob ich nochmal einen Anlauf wagen will oder nicht. Ich kann beides nicht ausschließen. Klar ist nur, dass ich mir nach Olympia erstmal eine Auszeit vom Fechten gönne.

Vielen Dank, Imke, für dieses Gespräch.

Wasserball

Die Wurfkraft eines Handballspielers, die Passgenauigkeit eines Rugbyspielers und die Power und Ausdauer eines Schwimmers – all das kombinieren Wasserballer in ihrer Sportart. Beim olympischen Wasserballturnier in der neuerrichteten „Water Polo Arena“ im Olympia-Park können Frauen und Männer jeweils eine Medaille gewinnen.

Nicht ganz so populär, dafür umso traditionsreicher – Wasserball ist bereits seit 1900 olympische Disziplin und war mit Ausnahme von 1906 immer im Programm. Das ist sicher auch ein Grund dafür, warum die Sportart nach wie vor bei Olympia zu finden ist. Das IOC will den Focus zwar auf die finanziell attraktiveren Sportarten legen und das Event „Olympische Spiele“ etwas verkleinern, gleichzeitig aber auch traditionsreiche Sportarten wie Fechten, Gewichtheben, Ringen und eben auch Wasserball beibehalten.

Zum Spiel: Eine Wasserballmannschaft ist mit sieben Spielern im Wasser: Einem Torwart, einem Center, einem Center-Verteidiger, zwei Außen und zwei Halb. Der Spielaufbau passiert dabei meistens über die zwei Außen-Spieler, weil sie das Spiel in die Breite ziehen können und so Platz für die Center- und Halb-Spieler schaffen. Zwei Schiedsrichter, ähnlich verteilt wie die Linienrichter beim Fußball,  beobachten das Spielgeschehen vom Beckenrand aus und greifen bei Regel-Verstößen ein.

Verstöße sind unter anderem das Behindern eines Spielers, der nicht im Ballbesitz ist. Je nach Härte bedeutet diese Aktion einen Freiwurf für die gegnerische Mannschaft oder sogar eine Herausstellung des foulenden Spielers für 20 Sekunden. Bei der dritten Herausstellung wird ein Wasserballer vom Rest des Spiels ausgeschlossen.

Alle Augen auf:

Da Deutschland in einem dramatischen Qualifikationsturnier leider kein Ticket für London buchen konnte, stehen andere Teams im Blickpunkt.

Serbien. Das Team rund um Kapitän Vanja Udovičić ist amtierender Vize-Weltmeister im Wasserball. 2011 in Shanghai waren lediglich die Italiener stärker, die aber lange nicht so konstant spielen wie die Serben. Bei den letzten beiden Olympia-Teilnahmen wurden sie von noch von den Ungaren vom obersten Gold-Platz verdrängt. In London sehe ich Serbien aber ganz oben, auch weil das ungarische Team ein wenig in die Jahre gekommen ist.

USA. Die USA sind nicht nur was Frauen-Basketball und -Fußball angeht eine der führenden Nationen. Auch beim Wasserball findet man Ballsport-begabte amerikanische Frauen. Dreimal war das US-Team schon Weltmeister, zuletzt 2009. Bei den Olympischen Spielen in Peking sprang die Silbermedaille heraus. In London winkt nun Gold.

Titelbild von Charles McCain (Creative Commons)

Reiten

Wie üblich treten Männer und Frauen bei den Reitdisziplinen gegeneinander an. Insgesamt gibt es sechsmal Gold zu gewinnen, zweimal (Team und Einzel) in jeder der drei Disziplinen: Dressur, Springreiten und Vielseitigkeitsreiten.

Dressur

Das Dressurreiten ist der ultimative Test für Pferd und Reiter gleichermaßen. Hier wird haarklein seziert, wie gut die Kommunikation zwischen beiden funktioniert, wie gut das Pferd ausgebildet ist und ob es dem Reiter bedingungslos vertraut und gehorcht. In drei verschiedenen Tests geht es für Pferd und Reiter darum die Grundgangarten Schritt, Trab und Galopp auf geraden und gebogenen Linien, vorwärts, seitwärts oder auch rückwärts zu meistern. Hinzu kommen komplizierte Bewegungsabläufe in jeder Gangart, wie Traversale, Passage, Piaffe, Galopppirouette. Dabei geht es bei den ersten beiden Tests, Grand Prix de Dressage und Grand Prix Special um vorgeschriebene Bewegungsabläufe. Bei der Grand Prix Kür entscheidet der Reiter über Wege und Gangarten. Sieben Punktrichter bewerten unabhängig voneinander die Leistung von Reiter und Pferd und geben eine Note, die dann zusammen eine Gesamtnote ergeben.

Alle Augen auf:

Matthias Rath mit Totilas (Deutschland). Von 2009 bis Ende 2010 hat der Niederländer Edward Gal mit dem Pferd Tortilas das Dressurreiten dominiert. Bei Welt- und Europameisterschaften räumte er richtig ab. Nach den Weltreiterspielen 2010 wurde Totilas jedoch durch seine Sponsoren verkauft. Seitdem sitzt der deutsche Matthias Rath auf dem “Wunderpferd”. Die beiden verstanden sich auf Anhieb blendend und konnten bereits bei der CHIO 2011 in Aachen den ersten Titel holen. Mit Partner Totilas wird es Rath schwer fallen, das olympische Dressurreiten nicht zu gewinnen.

Isabell Werth mit El Santo (Deutschland). Die 90er Jahre gehörten Isabell Werth und ihrem Pferd Gigolo. Nachdem sich ihr Hengst 2000 in den Ruhestand verabschiedete, brauchte Werth eine Weile, um einen würdigen Nachfolger zu finden. Den schien sie vorübergehend in Satchmo gefunden zu haben. 2008 bei den olympischen Spielen in Peking wurde sie Zweite. Seitdem hat sie noch zweimal das Pferd gewechselt. Zurzeit reitet sie auf El Santo.

Hiroshi Hoketsu mit Whisper (Japan). Zwar hat der Japaner keine Chance das Dressurreiten zu gewinnen, dafür wird ihm eine andere große Ehre zu Teil. Mit 71 Jahren wird er der älteste Teilnehmer bei den Olympischen Spielen in London sein. Bereits 1964 in Tokyo war Hoketsu das erste Mal bei Olympia. Damals noch als Mitglied der japanischen Springreiter-Equipe. Aufgrund seiner Sehschwäche wechselte er mit 42 Jahren in den Dressursattel und möchte dort wohl noch ein bisschen ausharren.

Springreiten

Anders als in der Dressur geht es beim Springreiten um Schnelligkeit, Rhythmus und Sprungkraft des Pferdes. Auf einem Parcours müssen die Reiter und Pferd 12-14 Hindernisse, die bis zu 1,60 m hoch sind, in einer vorgegebenen Reihenfolge und Zeit überwinden, möglichst ohne Fehler. Zeitüberschreitung und jedes Hindernis, das abgeräumt wird, kostet Strafpunkte. Liegen zwei oder mehr Reiter am Ende gleich auf, reiten diese in einem Stechen, das auf einem verkürzten Parcours ausgetragen wird, gegen die Uhr.

Alle Augen auf:

Rolf-Göran Bengtsson mit Ninja (Schweden). Bengtsson führt momentan die Weltrangliste der Springreiter vor dem Deutschen Ludger Beerbaum an. Bei Olympischen Spielen gewann er zuletzt zweimal die Silbermedaille und 2011 in Madrid wurde der Schwede Europameister. Vieles spricht für einen Sieg Bengtssons. Die Konkurrenz ist jedoch groß, die Leistungsdichte hoch.

Vielseitigkeitsreiten

Das Vielseitigkeitsreiten verlangt sowohl vom Reiter als auch vom Pferd vieles ab. Es geht um Schnelligkeit, Ausdauer, Präzision und Kontrolle sowie die Stärke ihrer Partnerschaft. Mehrere Elemente aus dem Reitsport werden hier zusammengefasst. Die erste Prüfung der Vielseitigkeitsreiter ist die Dressur. Wie oben beschrieben geht es bei der Dressur um vorgeschriebene Bewegungsabläufe in der Arena.

Muss das Pferd bei dieser Prüfung noch Sinn für Grazilität beweisen, kommt es bei der Cross-Country-Prüfung schon auf ganz andere Attribute an. In einem Lauf über mehrere Kilometer müssen Reiter und Pferd feste, meist natürliche Hindernisse überwinden. Das Ganze auch noch in einer vorgeschriebenen Zeit. Hierbei spielt auch das taktische Verhalten des Reiters und Taktgebers eine wichtige Rolle. Denn er kann entscheiden, wie vorsichtig oder risikobereit er die verschiedenen Hindernisse ansteuert.

Den Abschluss des Vielseitigkeit-Wettbewerbs bildet das Springreiten. Wie üblich müssen die Athleten mit ihren Pferden einen Parcours in einer bestimmten Zeit, möglichst ohne Fehlerpunkte durchlaufen. Strafpunkte können in dieser Phase teuer zu stehen kommen.

Alle Augen auf:

Michael Jung mit Sam (Deutschland). Auch beim Vielseitigkeitsreiten ist die deutsche Mannschaft gut aufgestellt. Seit gut zwei Jahren mischt Michael Jung die Szene gut auf. 2010 gewann er Gold bei den Weltreiterspielen in Kentucky. 2011 wurde er im Einzel und in der Mannschaft Europameister und auch beim CHIO in Aachen belegte Jung 2011 den ersten Platz. Alles spricht für einen deutschen Sieg, sowohl in der Einzel- als auch in der Teamwertung.

Titelbilder von Ray Anderson, Phil Denton, „carterse“ und „Wing1990hk“ (Creative Commons)

Schießen

Auch das Schießen hat eine lange olympische Tradition. Erstmals 1896 in Athen waren Schießwettbewerbe Bestandteil der Olympischen Spiele. Vier Jahre später in Paris schoss man auf lebende Tauben. Heutzutage sind diese aus Ton und haben die Form einer Scheibe. In drei Waffen-Klassen gibt es 15 Goldmedaillen zu gewinnen. Grundsätzlich wird also zwischen Pistole, Luftgewehr und Shotgun unterschieden. Männer tragen je drei Wettbewerbe pro Waffenklasse aus, Frauen je zwei.

Pistole:

Luftpistole 10 m (Männer und Frauen). Aus zehn Metern Entfernung feuern die Schützen mit einer Pistole auf eine Zielescheibe. Die maximale Punkteausbeute sind zehn Punkte oder auch Ringe pro Schuss. Im Finale treffen die acht besten der Qualifikation aufeinander. Sie haben jeweils zehn Schuss und pro Schuss eine Zeit von 75 Sekunden.

Sportpistole 25 m (nur Frauen). Diese Disziplin wurde speziell für die Frauen entworfen. Sie schießen ohne Unterstützung aus einer Hand auf ein Ziel in 25 Metern Entfernung. Die acht besten qualifizieren sich für das Finale und haben dort 20 Schuss und pro Schuss drei Sekunden Zeit.

Freie Pistole 50 m (nur Männer). Eine der ältesten Disziplinen im Schießen. Denn hier wird ohne Laser oder andere technische Hilfsmittel geschossen. Die Pistole wird mit nur einer Hand gehalten und ohne Unterstützung durch andere Köperteile auf eine Scheibe in 50 Metern Entfernung frei abgefeuert. Die besten acht landen im Finale und haben dort zehn Schuss und pro Schuss 75 Sekunden Zeit.

Olympische Schnellfeuerpistole 25 m (nur Männer). Erst wenn das Ziel erscheint oder eine grüne Lampe aufleuchtet, haben die Schützen ihre Pistole und feuern in einem bestimmten Zeitintervall (vier, sechs oder acht Sekunden) eine Salve aus fünf Schüssen auf das Ziel. Im Finale geht es nach dem Ko-Prinzip – es gibt eine bestimmte Anzahl an Vier-Sekunden/Fünf-Schuss-Serien, bei denen jeweils der schlechteste Schütze einer Runde rausfliegt.

Luftgewehr:

Luftgewehr 10 m (Männer und Frauen). Mit einem 4,5mm-Kaliber feuern die Schützen im Stehendanschlag auf eine in zehn Metern aufgestellte Zielscheibe. Die besten acht aus den Qualifikationswettkämpfen qualifizieren sich für das Finale. Hier hat jeder Schütze genau zehn Schuss und pro Schuss 75 Sekunden Zeit.

Dreistellungskampf 50 m (Männer und Frauen). Aus 50 Metern feuern die Schützen 40 Schuss (Frauen 20) auf ein Ziel und das aus drei unterschiedlichen Positionen: liegend, kniend und stehend. Die besten acht kommen ins Finale und haben dort zehn Schuss im Stehendanschlag. Pro Schuss hat jeder Athlet 75 Sekunden Zeit.

Kleinkaliber liegend 50 m (nur Männer). Bei dieser Disziplin schießen die Männer mit einem .22-Kaliber-Gewehr liegend auf ein Ziel in 50 Metern Entfernung. Wie schon bei den anderen Disziplinen kommen acht Schützen ins Finale und haben dort weitere zehn Schuss, allerdings nur 45 Sekunden Zeit pro Schuss.

Shotgun:

Skeet (Männer und Frauen). Zwei Wurfmaschinen werfen eine Serie von 25 Wurfscheiben in einer bestimmten Reihenfolge (manchmal eine, manchmal zwei Wurfscheiben) von zwei verschiedenen Punkten aus in die Luft. Der Schütze steht genau zwischen den beiden Wurfmaschinen und versucht, die fliegenden Scheiben zu treffen, bevor sie den Boden berühren. Fünf Runden gibt es bei den Männern, drei bei den Frauen. Die besten sechs treten zu einer finalen Runde an. Erst hier sind die Scheiben mit einem speziellen Pulver gefüllt, um Treffer für die Zuschauer besser sichtbar zu machen.

Trap (Männer und Frauen). Das Trap-Schießen ist seit 100 Jahren im Programm der Olympischen Spiele. Da die Wurfscheiben weiter weg sind und dazu auch mit höherer Geschwindigkeit hochgeworfen werden, ist diese Disziplin weitaus schwieriger als das Skeet-Schießen. Wie beim Skeet gibt es auch beim Trap fünf (drei) Runden á 25 Wurfscheiben. Sechs kommen ins Finale und schießen erneut auf 25 Scheiben.

Doppeltrap (nur Männer). Beim Doppeltrap steht der Schütze hinter dem Haus, aus dem die Wurfscheiben losgelassen werden. Zwei Scheiben werden hintereinander in die Luft geworfen, 35° nach links und nach rechts. Der Schütze hat zwei Schuss, um beide Scheiben zu treffen. Die Qualifikation besteht aus drei Runden zu jeweils 50 Wurfscheiben. Auch hier kommen die besten sechs ins Finale und schießen abermals auf 50 Ziele.

Alle Augen auf:

Vincent Hancock (USA). In der Männerkonkurrenz gibt es eigentlich niemanden, der außerordentlich dominant ist. Zu nennen ist zum Beispiel der US-Amerikaner Vincent Hancock, der das Skeet-Schießen vor vier Jahren in Peking gewann. Sein Mannschaftskollege Walton Eller gewann eindrucksvoll beim Doppeltrap. Die US-Amerikaner sind also gut aufgestellt und haben Erfahrung im Goldmedaillen-Gewinnen.

Ralf Schumann (Deutschland). Auch aus deutscher Sicht gibt es Goldhoffnungen. Bereits dreimal war Ralf Schumann Olympiasieger mit der Schnellfeuerpistole. Allerdings liegt sein letzter Titel acht Jahre zurück. In Peking wurde der 49-Jährige nur Zweiter. Nicht zuletzt seine zahlreichen Erfolge bei Welt- und Europameisterschaften machen ihn zu einem Favoriten in seiner Disziplin.

Du Li (China). Sie war schon in zwei unterschiedlichen Disziplinen Olympiasiegerin. 2004 war sie mit dem Luftgewehr aus zehn Metern erfolgreich, 2008 gewann sie vor heimischem Publikum die Goldmedaille im Dreistellungskampf mit dem Kleinkaliber und erzielte sogar einen neuen Weltrekord. Auch 2012 ist mit der Chinesin zu rechnen.

Titelbilder von The U.S. Army (Creative Commons)

Fußball

Fußball spielt bei den Olympischen Spielen eine eher untergeordnete Rolle. Das liegt unter anderem daran, dass es sich beim Fußball um eine Profi-Sportart handelt, in der selbst hochrangige Welt- und Kontinentalmeisterschaften ausgetragen werden. So ist zum Beispiel die Europameisterschaft in Polen und der Ukraine für die europäischen Staaten weitaus wichtiger als die Olympischen Spiele in London. Dazu kommt, dass bei Olmypia nur U23-Teams antreten dürfen. Genauer lautet die Regel, dass nur drei Spieler einer Mannschaft 23 oder älter sein dürfen.

Schon im Jahr 1900 fand in Paris das erste olympische Fußball-Turnier statt. Damals gewann Großbritannien die Goldmedaille. Acht Jahre später gewannen sie im eigenen Land erneut und konnten den Titel vier Jahre darauf in Stockholm erfolgreich verteidigen.  Man spricht auch von der goldenen Ära des britischen Fußballs. Seitdem war Fußball bis auf eine Ausnahme (Los Angeles 1932) immer Bestandteil der Olympischen Spiele. Das erste Frauenturnier wurde 1996 in Atlanta gespielt.

Die Briten werden in diesem Jahr erstmals seit 1960 wieder an einem olympischen Fußball-Turnier teilnehmen. Auch aus dem Grund, weil sie als Gastgeber automatisch qualifiziert sind. Ursprünglich war die Idee des IOC, dass die Fußballverbände aus England, Wales, Schottland und Nordirland eine gemeinsame Mannschaft stellen. Die Verbände waren aber eher abgeneigt, weil sie um ihre Eigenständigkeit fürchteten. So einigte man sich darauf, dass der englische Fußballverband (FA) die Mannschaft in Vertretung aller vier Länder stellt, um so Großbritannien zu repräsentieren. Einzelne Spieler der anderen britischen Verbände haben jedoch erklärt, dass sie gerne dabei sein würden. Darunter unter anderem die Waliser Ryan Giggs und Gereth Bale. Fast schon sicher ist es, dass der Engländer David Beckham dabei sein wird. Das lockt auch die Superstars anderer Nationen an. Diego Forlan möchte zum Beispiel für Uruguay an den Start gehen, Neymar und Alexandre Pato für Brasilien. Damit wäre es das bestbesetzte olympische Fußball-Turnier aller Zeiten.

In diesen Stadien spielt sich alles ab:

  • City of Coventry Stadium, Coventry
  • Hampden Park, Glasgow
  • Millenium Stadium, Cardiff
  • Old Trafford, Manchester
  • St James’ Park, Newcastle
  • Wembley Stadium, London

Alle Augen auf:

Brasilien (Männer). Die Südamerikaner sind in der Regel stark besetzt mit jungen Talenten. Die letzten beiden Olympischen Spiele haben die Argentinier für sich entschieden. Die sind dieses Mal nicht dabei und somit haben die Brasilianer als ärgste Konkurrenten freie Bahn. Sie stellen auch den Superstar der diesjährigen Olympischen Spiele – Neymar da Silva Santos. Der 20 Jährige, der momentan noch in der brasilianischen Liga kickt, hatte schon Traumangebote von europäischen Fußballklubs. Lange wird es nicht mehr dauern, dass Neymar öfter auf der Insel zu Gast sein wird.

USA (Frauen). In drei von vier Wettbewerben gewann die amerikanische Frauen-Nationalmannschaft die Goldmedaille. Nur in Sydney musste man sich mit Silber zufrieden geben. Es spricht also alles dafür, dass der Weltranglistenerste auch in London wieder ganz oben auf dem Treppchen steht. Die Konkurrenz ist auch in diesem Jahr nicht allzu groß. Lediglich Brasilien könnte den Amerikanern im Weg stehen.

Titelbilder von Ronnie MacDonald (Creative Commons)

Bahnrad

Der olympische Bahnrad-Wettbewerb scheint fest in britischer Hand zu sein. Vor vier Jahren in Peking sprangen in zehn Wettbewerben sage und schreibe sieben Goldmedaillen für das britische Team heraus. Dazu gab es dreimal Silber und zweimal Bronze. Diese Dominanz gilt es jetzt im London Velodrome vor heimischem Publikum zu bestätigen.

Allerdings gibt es einige Veränderungen im Vergleich zu Peking. Drei Disziplinen wurden bei den Männern gestrichen. Darunter die Einerverfolgung, das Points Race (Punktefahren) und das Madison (Zweier-Mannschaftsfahren). Dafür wurde die Vielseitigkeitsdisziplin Omnium neu in das Programm aufgenommen. Auch bei den Frauen wurden zwei Disziplinen gestrichen, drei sind neu hinzugekommen. Sie treten in diesem Jahr in denselben fünf Disziplinen gegeinander an wie die Männer. Lediglich die Anzahl der Runden und Fahrer variiert.

Und in diesen Disziplinen treten die Fahrer gegeneinander an:

Sprint. Beim Sprint sind zwei Fahrer gleichzeitig auf der Bahn. Sie starten nebeneinander und warten auf den entscheidenden Moment, den Gegner abzuhängen. Gefahren werden drei Runden á 250 Meter. Das Abtasten des Gegners dauert etwa eine Runde. Ab der zweiten Runde entscheidet sich einer der beiden Fahrer, anzugreifen. Dabei ist es wichtig, dem Gegner nicht zu viel Windschatten zu bieten. Derjenige, der als Erster zwei Läufe gegen seinen Gegner für sich entscheidet, gewinnt auch das Duell und qualifiziert sich für die nächste Runde.

Teamsprint. Beim Teamsprint treten drei Fahrer eines Teams gemeinsam an. Zwei Teams fahren gegeneinander. Gestartet wird auf den gegenüberliegenden Geraden. Nach der ersten Runde verlässt der jeweils vordere Fahrer die Bahn. Nach der zweiten Runde nochmals, so dass nur noch Fahrer drei die letzte (dritte) Runde komplettiert und alleine über die Ziellinie fährt. Es geht darum, schneller als das gegnerische Team zu sein.

Keirin. Keirin heißt Kampf auf Japanisch. Auf einer Renndistanz von 2.000 Metern bekriegen sich sechs Fahrer gleichzeitig auf der Bahn. Gestartet wird hinter einem motorisierten Tempomacher, einem Derny. Erst wenn es nach zwei Dritteln der Renndistanz die Bahn verlässt, ist das Rennen freigegeben. Jeweils die beiden Ersten eines Laufs qualifizieren sich für die nächste Runde.

Mannschaftsverfolgung. Die Mannschaftsverfolgung gilt als Königsdisziplin im Bahnradsport. In diesem Modus treten zwei Teams zu je vier Fahrern (bei den Frauen drei Fahrerinnen) gegeneinander an. Die Renndistanz beträgt bei den Männern 4.000 Meter und bei den Frauen 3.000 Meter. Für die Zeitmessung ist der drittplatzierte (bei den Frauen zweitplatzierte) Fahrer eines Teams relevant. Das bedeutet, dass jeweils ein Fahrer pro Team ausscheiden darf. Die Teams starten von den gegenüberliegenden Geraden. Der Sieger des Duells ist derjenige, dessen dritter Fahrer (zweite Fahrerin) zuerst die Ziellinie überquert. Bei dieser Disziplin teilen sich die Fahrer die Führungsarbeit im Fahrtwind, indem sie kreiseln – die Bahn hoch fahren und sich hinten wieder einordnen.

Omnium. Die Vielseitigkeits-Disziplin Omnium ist neu im olympischen Programm. Es besteht aus den Teildisziplinen: 250 m Sprint, Punktefahren (Männer 30 km, Frauen 20 km), Ausscheidungsfahren (alle zwei Runden scheidet der jeweils letzte Fahrer aus), Einerverfolgung (zwei Fahrer gehen von den gegenüberliegenden Geraden auf die Strecke, Männer über 4 km, Frauen über 3 km), Scratch (eine Rundendistanz von 40 Runden wird gemeinsam zurückgelegt) und Zeitfahren (Männer 1 km, Frauen 500 m). In jeder dieser Teildisziplinen werden Punkte entsprechend dem erzielten Rang vergeben. Gold gewinnt derjenige mit den wenigsten Punkten.

Alle Augen auf:

Chris Hoy (Großbritannien). Der mehrfache Olympiasieger und Weltmeister Chris Hoy ist ohne Zweifel einer der besten Bahnradfahrer in der Männerkonkurrenz. Noch dazu hat der Schotte erst dieses Jahr bei den Weltmeisterschaften in Melbourne bewiesen, dass in London mit ihm zu rechnen ist. Vor heimischem Publikum ist mit Goldmedaillen in den Disziplinen Keirin, Teamsprint und Sprint zu rechnen. Der Deutsche Maximilian Levy hat zumindest im Keirin gute Chancen auf einen Medaillenrang.

Anna Meares (Australien). Bei der Bahnrad-Weltmeisterschaft in Melbourne im April dieses Jahres konnte die Australierin im Keirin und im Zeitfahren Gold gewinnen. Letzteres sogar in überragender Weltrekordzeit. In London könnte sich Meares wieder einmal packende Duelle mit der Lokalmatadorin Victoria Pendleton liefern, die in Melbourne im Sprint die Nase vorn hatte.

Titelbilder von Neeta Lind, Paul Coster und Paul Wilkinson (Creative Commons)